Quantität oder Qualität?

Ob beim Arbeiten, essen, pinkeln – egal was ich tue – immer stelle ich mir vor was war und was noch sein könnte. Ich bin fixiert auf diesen Gedanken, kann kaum mehr was essen und mir geht es einfach grauenhaft.

Nun sind drei Wochen seit unserem letzten Treffen vergangen und ich kann Catherina einfach nicht vergessen. Bei mir stimmt aber auch etwas nicht. Ich nenne das Problem die „Suppe“.

Über die Jahre hat sich meine Ahnung in Gewissheit verwandelt, dass meine Mischung der Hirnbotenstoffe Ephedrin(> Ephedrin ist kein Hirnbotenstoff, sondern ein Arzneimittel. Wahrscheinlich meinst du „Endorphine“? Oder „Serotonin“?), Noradrenalin und Dopamin nicht ganz stimmig balanciert ist. An sich sollten sie ausgewogen sein. Ein Ungleichgewicht kann zu Euphorie oder Depression führen. Ich kann aber die Gedanken an Catherina einfach nicht los lassen. Alles kreist seit drei Wochen nur noch um sie.

Ob beim Arbeiten, Essen, Pinkeln: Egal was ich tue, immer stelle ich mir vor, was zwischen uns geschehen ist und was noch kommen könnte. Ich bin fixiert auf diesen Gedanken, nehme kaum noch Nahrung zu mir und fühle mich grauenhaft. Habe ich vielleicht Liebeskummer? Ja, das trifft es am besten.

Immer noch keine Nachricht von ihr! Ich habe ihr schon zig SMS und WhatsApp-Nachrichten geschickt, aber alle kommen als unzustellbar zurück. Bestimmt hat sie eine Prepaid-Karte, die seit drei Wochen nicht mehr aktiviert wurde. Ich beschließe, dem Drama morgen ein Ende zu machen. Ich will unbedingt Gewissheit.

Ich gehe zwar arbeiten, kann mich aber überhaupt nicht konzentrieren. Meine Gedanken drehen sich nur darum, welche Schritte ich nach der Arbeit wie gehen werde.

Meine „Suppe“ kocht und ich kann kaum erwarten, bis es 16.30 Uhr ist. Ich stürme aus dem Laden und mache mich auf den Weg in die Apotheke.

Heute ist es nicht mehr so heiß wie in den vergangenen Wochen. Ich bin einigermaßen erstaunt, nicht wieder dieses „Kühlbox-Gefühl“ zu haben, als ich die Apotheke betrete. Anwesend ist nur eine Apothekerin, die kurz vor der Rente zu stehen scheint. Meine Anspannung steigt, als ich mich entscheide, meine Absicht direkt zu verfolgen und nach Catherina zu fragen. Ich werde als Vorwand benutzen, sie wolle noch etwas über ihren Telefontarif wissen.

Die nette Dame versichert jedoch, dass hier keine Catherina arbeitet.

Nachdem ich ganz sicher gehen möchte und darauf bestehe, fragt sie noch bei einer Kollegin nach. Die kann sich dann an eine Praktikantin namens Catherina erinnern. Die Damen haben jedoch keine Ahnung, wo sie in der Zwischenzeit gelandet sein könnte.

Ich spüre Panik in mir aufsteigen, denn meine Vorahnung (< eine Vorahnung wurde bis jetzt nicht erwähnt) wird langsam zur Gewissheit. Mein nächster Weg führt mich in die Rehlingstraße 14 und wieder ziehen dunkle Wolken am Himmel auf, denn an den Klingelschildern stehen viele Namen, nur kein Peters. Wie zur Hölle kann das sein? Mit pochendem Herzen gehe ich aufs Ganze und drücke einfach fest auf eine der Klingeln, die dem vierten Stock entsprechen könnten. Da dieser Altbau keine Sprechanlage hat, warte ich auf das Summen des Öffners, das kurz darauf auch folgt. Ich renne die Treppen hinauf, um mein angesammeltes Adrenalin abzubauen, und treffe im vierten Stock in der Eingangstür auf einen Mann, zirka Mitte Vierzig und mit Glatze. Auch das noch! Ich stammele etwas von „Catherina“ und „die hat hier gewohnt“, ernte aber nur einen erstaunten Blick. Dann erzählt mir der Glatzkopf, er habe seine Wohnung während einer Auslandsreise kurz vermietet... blie, bla, blup. Ich trolle mich wieder auf die Straße und habe nun wirklich keinen Anhaltspunkt mehr. Wie kann jemand so spurlos verschwinden? Soll es das wirklich gewesen sein? Schiere Verzweiflung macht sich in mir breit. Ich gehe zu Edeka ums Eck und kaufe eine Flasche spanischen Syrah für 13 Euro, ein dickes Rumpsteak, Kräuterbutter, Tomaten und Büffelmozzarella. Beim Einkaufen wird mir bewusst, dass ich während der letzten Tage kaum etwas gegessen habe. Jetzt ist der geeignete Zeitpunkt, meinen Liebeskummer zu beenden. Mit meiner Beute aus dem Supermarkt mache ich mich auf den Heimweg und freue mich darauf, das Steak in der Pfanne zu brutzeln. Zuhause mache ich mich gleich ans Werk. Ich haue das Steak in die Pfanne, schnipple Zwiebeln und Tomaten, öffne den Wein und mache es mir gemütlich auf meinem Balkon mit einer Ölfackel und ein bisschen Tom Waits. Das Essen duftet herrlich und ich schiebe mir den ersten Bissen Fleisch in den Mund. Das Steak ist genau auf den Punkt gebraten und ich genieße meine Mahlzeit wie ein geborener Gourmet. Ja Leben, du hast mich wieder! Diese Euphorie dauert jedoch nur bis zu dem Moment, wo mein Handy sein bekanntes „Biep... biep“ von sich gibt. Ich esse weiter und versuche das Telefon zu ignorieren. Aber nach dem dritten Bissen siegt die Neugierde! Ich stehe auf und gehe ins Wohnzimmer, um einen Blick auf das verdammte Handy zu werfen. Ich lese: „Lust zu spielen?“ Der Appetit ist verschwunden, das Adrenalin schießt mir in den Kopf und verwandelt meine Beine in Gummi. Ich schreibe wie ferngesteuert: „Ja, klar.“ Sie schreibt: „Antworte mit 1 für Quantität oder 2 für Qualität!“ Was soll das nun? Was hat das zu bedeuten? Ich will beides und vor allem will ich sie wieder sehen! Ohne nachzudenken tippe ich eine 1 ein und schicke die Antwort ab. Oh Gott! War das jetzt ein Fehler? Sie hat sicher auf Qualität gehofft und nun habe ich die Eins gedrückt. Nach einer gefühlten Ewigkeit schreibt sie: „Samstag 14.00 Uhr, Ecke Berliner Allee und Elsässerstrasse. Ich hole dich ab!“ Okay, das war es nun mit dem Essen. Heute ist erst Mittwoch. Ich werde die ganze restliche Woche nichts essen, da bin ich mir sicher. Ich schlafe unruhig und denke über Quantität nach. Dieses Wort gefällt mir immer besser. Hört sich doch nach viel an, oder? Viel wovon ist hier die Frage. Es werden noch Wetten angenommen, was sich wohl alles ereignen wird. Ich kann die Spannung kaum ertragen.

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